Ein musikalischer Wandel zwischen Carl Stamitz und Mozart – oder wie aus kontrapunktischen Konstruktionen sangbare Melodien werden
Die Musikgeschichte kennt wenige so einschneidende Wendepunkte wie den Übergang vom Barock zur Klassik um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Als Carl Stamitz 1745 in Mannheim das Licht der Welt erblickt, komponiert Johann Sebastian Bach noch seine letzten Meisterwerke in Leipzig. Elf Jahre später, 1756, wird Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg geboren – doch Bach ist bereits seit sechs Jahren tot. Zwischen diesen beiden Geburtsjahren vollzieht sich einer der größten Stilwandel der Musikgeschichte.
Das Ende einer Ära: Vom Fortspinnungsprinzip zur Sanglichkeit
Die Barockmusik lebte von ihrer architektonischen Strenge. Das sogenannte „Fortspinnungsprinzip" entwickelte aus kleinen musikalischen Keimzellen ganze Sätze durch kontinuierliche Variation und Fortführung. Concerti grossi setzten große und kleine Instrumentengruppen kontrastierend gegeneinander, Suiten reihten Tanzsätze aneinander, und die Fuge erhob die kontrapunktische Kompositionsweise zur hohen Kunst. Musik war Konstruktion, war Mathematik in Tönen.
Doch schon in den Kompositionen der Bach-Söhne, vor allem Carl Philipp Emanuel und Johann Christian Bach, kündigt sich der Wandel an. Aus der gelehrten Polyphonie entwickelt sich eine volkstümlichere, sanglichere Musik. Die neue Ästhetik sucht nicht mehr die komplexe Verschränkung mehrerer gleichwertiger Stimmen, sondern stellt eine Hauptmelodie in den Vordergrund, unterstützt von einer harmonisch denkenden Begleitung.
Mannheim als Labor der neuen Musik
In diesem Umbruch spielt die Mannheimer Hofkapelle eine zentrale Rolle. Unter der Leitung von Johann Stamitz, Carl Stamitzs Vater, entwickelt sich hier ein völlig neuer Orchesterstil. Die Mannheimer lieben gewaltige Crescendi – das berühmte „Mannheimer Crescendo" wird zum Markenzeichen –, experimentieren mit abrupten Gegensätzen zwischen piano und forte und erfinden orchestrale Effekte, die das Publikum in Erstaunen versetzen.
In diesem revolutionären Umfeld wächst Carl Stamitz auf. Seine Musik trägt alle Zeichen der neuen Zeit: Sie ist deutlich sangbarer als die Barockmusik, arbeitet mit klar voneinander abgesetzten Themen und nutzt die neu entwickelte Sonatenhauptsatzform. Diese Form basiert auf einem dualistischen System, das gerne zwei gegensätzliche Themen präsentiert, sie durchführt und schließlich wieder zusammenführt.
Mozart und die Mannheimer Schule
Auch Wolfgang Amadeus Mozart lernt die Mannheimer Hofkapelle kennen und ist tief beeindruckt von ihren Neuerungen. 1777, während seiner Reise nach Paris, verbringt er mehrere Monate in Mannheim und macht sich die dortigen Errungenschaften zu eigen. Die Klarheit der Themenbildung, die Kunst des Orchestrierens und die neue Sanglichkeit fließen in sein Schaffen ein.
Ein Konzertabend als Zeitreise
Das Programm des Konzerts des KVHS-Orchesters lädt zu einer faszinierenden Zeitreise ein. Carl Stamitzs Quartetto Concertante in G-Dur verkörpert den Geist der Mannheimer Schule: Das „Allegro con Spirito" lebt von seiner Energie und seinen Gegensätzen, das „Andante grazioso" zeigt die neue Sanglichkeit, und das „Presto" demonstriert die orchestralen Effekte, die das Publikum des 18. Jahrhunderts begeisterten.
Karl Jenkins' „Palladio" aus unserer Zeit schlägt eine Brücke zwischen den Epochen und zeigt, wie die klassischen Prinzipien auch in der zeitgenössischen Musik weiterleben können.
Den Höhepunkt bildet Mozarts „Eine kleine Nachtmusik" – ein Werk, das wie kein zweites die Vollendung des klassischen Stils verkörpert. Auch sie steht in G-Dur, und auch hier lässt sich die Vorliebe für Dreiklangsbrechungen gut nachvollziehen, ebenso wie die deutlich sanglicheren Nebenthemen. Vom energischen „Allegro" über die liebenswürdige „Romance" und das elegante „Menuetto" bis zum sprühenden „Rondo" zeigt Mozart, wie aus der architektonischen Strenge des Barock eine Musik entstehen konnte, die zu Herzen spricht.
Verfolgen Sie gespannt die thematische Entwicklung in beiden Werken und erleben Sie, wie die Musik zu singen begann.
Konzertprogramm am Mittwoch, 25. Februar 2026
Carl Stamitz (1745-1801) Quartetto Concertante G-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello
- Allegro con Spirito
- Andante grazioso
- Presto
*Karl Jenkins (1944) Palladio für Streichorchester
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Eine kleine Nachtmusik für Streicher KV 525
- Allegro
- Romance Andante
- Menuetto Allegretto
- Rondo Allegro
Das Konzert findet statt in der Christuskirche Northeim, Wolfshof 3. Der Eintritt ist frei.


